Als Matthias Rehm vor zehn Jahren die Schülerzeitung HEADLINE am Graf-Stauffenberg-Gymnasium in Flörsheim gründete, hatte er ein klares Ziel: Die Zeitung sollte nicht dauerhaft von einer Lehrkraft gesteuert, sondern von Schülerinnen und Schülern selbst getragen werden. Heute kann er sagen, dass ihm genau das gelungen ist. „Früher habe ich deutlich mehr gelenkt, motiviert und angestoßen. Heute bin ich eher Begleiter, Berater und Schnittstelle“, sagt der Deutsch- und Politiklehrer.
Dass dieses Konzept funktioniert, zeigt der jüngste Erfolg der Redaktion eindrucksvoll. Beim Schülerzeitungswettbewerb der Länder gewann HEADLINE den ersten Platz in der Kategorie „Online“ für Gymnasien und zählt damit zu den besten Schülerzeitungen Deutschlands.
Für die stellvertretende Chefredakteurin Henriette Rösch ist die Auszeichnung vor allem eine Anerkennung und Wertschätzung für viele Stunden Arbeit hinter den Kulissen. „Es ist eine riesige Auszeichnung für uns alle, für unsere Arbeit und unser Engagement“, sagt sie. Entsprechend groß sei die Freude in der Redaktion gewesen, als die Nachricht vom Bundessieg kam.
HEADLINE wurde im Januar 2016 gegründet und feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Was als schulisches Projekt begann, hat sich in den vergangenen Jahren zu einer eigenständigen Online-Redaktion entwickelt, deren Beiträge weit über klassische Berichte über das Schulleben hinausgehen.„Es ist unsere große Themenvielfalt, aber auch die Art, wie wir berichten“, erklärt Chefredakteur Lukas Harper. „Es sind keine trockenen Berichte. Wir bringen unterschiedliche Perspektiven und persönliche Sichtweisen ein.“
Freiräume schaffen und Geduld haben
Gefragt nach dem Erfolgsrezept der Redaktion nennt Matthias Rehm nicht moderne Technik oder ausgeklügelte Redaktionspläne. Stattdessen spricht er über Vertrauen, Geduld und die Bereitschaft, Schülerinnen und Schülern echte Freiräume für Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen. „Ich habe bewusst darauf verzichtet, alles durchzuorganisieren und Aufgaben einfach zu verteilen“, erzählt er.
Gerade dieser Ansatz sei nicht immer leicht gewesen. Denn es habe Phasen gegeben, in denen Ideen nicht umgesetzt wurden, Beiträge liegen blieben oder Veranstaltungen niemanden interessierten. „Manchmal habe ich bewusst ausgehalten, wenn nichts passiert ist“, sagt Herr Rehm. Genau in diesen Momenten habe er beobachtet, wie bei den Schülerinnen und Schülern etwas entstand, das sich nicht verordnen lasse. „Man merkte irgendwann, dass etwas fehlt. Daraus entstand dann bei den Schülerinnen und Schülern die intrinsische Motivation, selbst aktiv zu werden.“
Für andere Schulen, die eine Schülerzeitung aufbauen möchten, steckt darin eine wichtige Botschaft: Nicht jede Idee muss von Lehrkräften angestoßen werden. Manchmal lohnt es sich, Freiräume zuzulassen und Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, eigene Themen und Projekte zu entwickeln.
Feedback statt Kontrolle
Ganz ohne Unterstützung funktioniert eine Schülerredaktion natürlich nicht. Herr Rehm beschreibt seine heutige Rolle deshalb als die eines Mentors. „Diejenigen, die sich engagieren, bestärke ich natürlich. Ich lobe sie und gebe Feedback.“
Die Redaktion nutzt digitale Kommunikationswege wie Microsoft Teams, um Entwürfe zu besprechen, Ideen weiterzuentwickeln und Texte zu verbessern. Dabei gehe es nicht darum, Beiträge umzuschreiben, sondern Denkanstöße zu geben. Mal gehe es um die passende Textsorte, mal um eine treffendere Überschrift oder ein zusätzliches Zitat. Aus Sicht der Schülerinnen und Schüler ist genau dieses Feedback ein entscheidender Grund für den Erfolg der Redaktion.
„Ohne Herrn Rehm wären wir heute nicht dort, wo wir sind“, sagt Lukas Harper. „Er bestärkt uns in dem, was wir tun.“ Dass die Redaktion heute so eigenständig arbeitet, führen die Schülerinnen und Schüler auch auf die langjährige Begleitung durch Rehm zurück. Er motiviere, berate und unterstütze, wenn es nötig sei. Nicht ohne Grund wird er innerhalb der Redaktion scherzhaft als „Papa der Redaktion“ bezeichnet.
Lernen über Jahrgangsgrenzen hinweg
Eine Besonderheit von HEADLINE ist die Zusammenarbeit über viele Jahrgangsstufen hinweg. In der Redaktion arbeiten Schülerinnen und Schüler im Alter von etwa zehn bis neunzehn Jahren gemeinsam an Beiträgen, Interviews und Fotostrecken. Die große Altersspanne ermöglicht es den Jüngeren, von den Erfahrungen der Älteren zu profitieren und eröffnet vielfältige Perspektiven auf Themen und Fragestellungen.
Für Lukas Harper gehört genau das zu den wertvollsten Erfahrungen seiner Zeit in der Redaktion. „Ich wurde schon als Fünftklässler angenommen, so wie ich war. Meine Texte wurden ernst genommen und ich habe ehrliches Feedback bekommen.“
Während Schülerinnen und Schüler im Unterricht meist in ihrer eigenen Altersgruppe lernen, begegnen sich bei HEADLINE Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen. Gleichzeitig erwerben die jungen Redakteure Kompetenzen, die weit über das Schreiben hinausgehen. Sie recherchieren eigenständig, suchen selbstständig Interviewpartner, prüfen Quellen und entscheiden selbst, welche Darstellungsform für ein Thema geeignet ist.
„Im Unterricht bekommt man oft gesagt, welche Textsorte man schreiben soll“, sagt Harper. „Hier überlegen wir selbst: Ist das ein Bericht, ein Kommentar oder ein Essay?“ Diese Freiheit sei motivierend, bedeute aber auch Verantwortung.
Eine Stimme für die Schulgemeinschaft
„Wir verstehen uns als Sprachrohr der Schülerschaft“, sagt Annika Derz, Redakteurin von HEADLINE. So berichtet die Redaktion nicht nur über Konzerte, Projekttage oder schulische Veranstaltungen. Immer wieder greift sie auch Themen auf, die innerhalb der Schulgemeinschaft kontrovers diskutiert werden und Jugendliche im Alltag beschäftigen. Dazu gehörten zuletzt etwa Beiträge zum Social-Media-Trend „Skinny Culture“, zum Einsatz von künstlicher Intelligenz an Schulen oder zu Schülerrechten im Schulalltag.
Für Matthias Rehm ist diese Entwicklung ein wichtiger Teil von Demokratiebildung. „Ich beobachte seit einigen Jahren, dass unsere Schulgemeinschaft kritischer geworden ist“, sagt er. Schülerinnen und Schüler würden sich heute deutlich häufiger trauen, ihre Meinung zu äußern, Fragen zu stellen und Position zu beziehen. Auch die Schülervertretung habe in den vergangenen Jahren sichtbar an Selbstvertrauen gewonnen.
Die Arbeit in der Schülerzeitung vermittle wichtige demokratische Werte. „Es geht darum zu lernen, wie man sich einbringt, wie man Fragen stellt und Antworten einfordert“, sagt Herr Rehm. Gleichzeitig lernen die Jugendlichen, unterschiedliche Meinungen auszuhalten und ihre eigene Position respektvoll und konstruktiv zu vertreten.
Auch die Mitglieder der Redaktion erleben diese Prozesse regelmäßig. Sie veröffentlichen Kommentare, erhalten Rückmeldungen und setzen sich mit Kritik auseinander. Eine Schülerin formuliert es so: „Nicht nur Schülerinnen und Schüler müssen Kritik hören können, sondern manchmal auch Lehrkräfte.“
Einfach anfangen
Nach dem Bundessieg blickt die Redaktion bereits nach vorne. Natürlich wolle man auch künftig erfolgreich sein, sagt das Team. Noch wichtiger sei jedoch, neue Schülerinnen und Schüler für die Mitarbeit zu begeistern und die Zeitung weiterzuentwickeln.
Und welchen Rat hat die preisgekrönte Redaktion für Schulen, die selbst eine Schülerzeitung gründen möchten? Die Antwort fällt erstaunlich einfach aus: anfangen!
Die Schülerinnen und Schüler raten dazu, sich zu trauen, erste Texte zu veröffentlichen, Fehler als Teil des Lernprozesses zu akzeptieren und regelmäßig Rückmeldungen einzuholen. Gerade konstruktives Feedback habe wesentlich dazu beigetragen, die Qualität der Zeitung über die Jahre weiterzuentwickeln. Ebenso wichtig sei es, Themen und Veröffentlichungen immer wieder gemeinsam zu reflektieren.
Für Herrn Rehm beginnt erfolgreiche Schülerzeitungsarbeit vor allem mit Vertrauen. Wer jungen Menschen echte Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet, ihnen etwas zutraut und sie auf ihrem Weg begleitet, könne viel erreichen.
Die Auszeichnung für den Bundessieg wird jetzt im Juni im Bundesrat in Berlin verliehen. Für die Mitglieder von HEADLINE ist die Reise in die Hauptstadt ein besonderer Höhepunkt im Jubiläumsjahr ihrer Schülerzeitung. Wir gratulieren der Redaktion herzlich zu diesem großartigen Erfolg, wünschen viel Freude bei der Preisverleihung und weiterhin viel Erfolg für die nächsten zehn Jahre.